Konzertmarathon im Stahlwerk

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Werkshalle bei Ostseestaal

Für die Musiker war es ein Konzertmarathon ohne Doping - oder doch mit? Sicherlich wirkten die prall gefüllten Besucherreihen in der Halle des Stahlwerkes Ostseestaal in Stralsund bei den drei Konzerten am 17. Juli 2021 für die Musiker wie ein Aufputschmittel nach langer Durststrecke. Dort wo sonst schwere Stahlhämmer krachend auf gewichtige Metallplatten donnern wurde heute Musik vom Feinsten gemacht. Teils mit mehr als 100 Dezibel jedoch annähernd so laut, wie die Geräusche, die sonst in der Industriehalle erklingen.

Die Besucher wurden mitgenommen auf die Suche nach dem Musikanfang und dem Lärmende. Besonders deutlich wurde dieses Ausloten bei der "Stahl-Suite", die eigens für diesen Anlass von dem Litauer Jonas Tamulionis (*1949) komponiert wurde. Mit den von Jonas Urbat im Februar 2020 in diesem Stahlwerk aufgenommenen Produktionsgeräuschen schrieb Tamulionis eine "Toccata diavolesca für Akkordeon, Live-Elektronik und Kammerorchester".

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Dieses Material wurde von Martynas Levickis am Akkordeon und seinem Mikroorkéstra musikalisch dargestellt und ein Video verdeutlichte, wie es sonst in der Halle zugeht. Schließlich erleben hier Teile von riesigen Kreuzfahrtschiffen, Yachten und Flugzeugen ihre Geburtsstunde und unter Funkensprühen werden hier Stahlteile gebogen und passend zurechtgeschnitten. Nun schwiegen die schweren Maschinen und der unerhörte Ort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern wurde zunächst mit musikalischen Evergreens zum Klingen gebracht. 

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Martynas Levickis
 

  

Da darf auch Vivaldis Sommer nicht fehlen - doch nach einem betont schmalzigen Beginn driftete dieses schon hunderte Male gehörte Werk in angenehme ungeahnte Akkordeonklänge ab. Eine wohltuende Abwechslung zu den eher weichen Streicherklängen des Anfangs. 

 

 

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Martynas Levickis und das Mikroorkéstra

Beim dritten Konzert des Abends ging das Publikum mit dem Percussionisten Alexej Gerassimez und dem SIGNUM Saxophonquartett auf eine Reise zu den Sternen. "Es öffnet den Geist", sagte der Musiker mit den Drumsticks in der Hand. Eine Reihe von Werken musste erst für diese ungewöhnliche Besetzung geschrieben werden, gibt es doch keine Kompositionen für Marimbaphon und vier Saxophone. 

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So kam auch das dreisätzige Werk des australischen Komponisten John Psathas (*1966) zur Aufführung. Dabei ging es beispielsweise um die "Superwaffe des Menschen - welche der Mensch selbst ist". Schrill kam die "Digitalisierung des Bewusstseins" daher und auch die Besiedlung des Weltraumes in "Rom in Space" ist nicht idyllisch, sondern eher blechern metallisch. 

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Doch merkte man spätestens am Schluss der "Starry Night" um 22.30 Uhr, dass die Musiker auf der Erde geblieben sind und sich bei den drei anstrengenden Konzerten völlig für ein Publikum, vor dem sie endlich wieder musizieren durften, verausgabt hatten. 

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Jonas Urbat
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Alexej Gerassimez
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Fotos: Oliver Borchert

Text: Katharina von der Heide

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