Musik als völkerverbindende Sprache -

Der Festspielfrühling 2022 auf Rügen

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Seebrücke Binz

Eigentlich sollte genau dieser Festspielfrühling auf Rügen schon vor zwei Jahren stattfinden. Doch seit März 2020 ist nichts mehr wie es war - vor allem der Kultur haben die vergangenen vierundzwanzig Monate besonders zugesetzt. Zwei Tage bevor damals Daniel Hope den zehntägigen Festspielfrühling hätte eröffnen sollen, wurde die Pandemie auch in Deutschland Realität und das gesamte Programm abgesagt und auf 2022 verschoben. Wer hätte damals gedacht, dass Veranstalter und Publikum eines Tages so routiniert mit Impf- bzw. Testnachweis, Sitzen im Schachbrettmuster und FFP2-Maske umgehen würden.

 Am Abend des 18. März erstrahlte nun endlich der Marstall in Putbus auf Rügen zum Eröffnungskonzert im Festspiellicht. 

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Maxim Lando im Marstall Putbus beim Eröffnungskonzert
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Maxim Lando

Doch die Freude auf dieses Klassikfest wurde den Künstlern und den Veranstaltern zwei Stunden vor dem Konzert wieder getrübt durch eine krankheitsbedingte Absage der Cellistin Josephine Knight. Doch inzwischen ist auch die Flexibilität zu einer gewissen Routine geworden. In Windeseile wurde aus einer Triobesetzung eine Duo- und Solobesetzung mit teils anderen Stücken. Daniel Hope hätte 2020 sicherlich auch nicht gedacht, wie brisant ein anderes Thema sein würde, als er die beiden Pianisten des Abends einlud: Den 19-jährigen US-Amerikaner Maxim Lando, dessen Vater aus der Ukraine stammt und die Russin Julia Okruashvili.


 "Niemand hat ahnen können, wie aktuell plötzlich ein solches Thema wieder ist." so die Intendantin der  Festspiele MV Ursula Haselböck. "Wir sind in einer unglaublichen Verantwortung zu zeigen, was Musik sein kann und was sie als Brückenbauer sein muss. Berührend war die Situation, als sich die beiden gegenübergestanden sind. Trotzdem stehen sie gemeinsam auf der Bühne und es war klar: wir wollen das gleiche. Wir wollen Frieden. Wir wollen gemeinsam Musik machen."

 

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Daniel Hope und Julia Okruashvili

 

 

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Im Jagdschloss Granitz stand am nächsten Tag das Gesprächskonzert ganz im Zeichen von "Verfemter Musik". Für Daniel Hope ist verfemte Musik eigentlich die verbotene Musik aus der Nazi-Zeit, "doch wie man sieht, ist es nur die Spitze eines Eisberges." Schließlich wurde und wird Musik weltweit von den verschiedensten Akteuren geächtet und verboten. Dass große Künstler wie Tschaikowski oder Puschkin nun in diesen Tagen von den Programmen gestrichen werden könnten, weil sie russisch sind, sei absurd, so Hope. Und fügte hinzu: "Wir können nichts machen als Musik spielen. Vor allem aber auch positive Signale schicken.“ 

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Auch bei diesem Konzert musste Daniel Hope auf seine eigentlich geplante Duopartnerin verzichten. "Wie sie sehen, habe ich ein iPad. Da drin sind einige Werke und als die Absage [von der Cellistin Josephine Knight] kam, habe ich kurz mit der Intendantin besprochen, was man noch in dem iPad findet - was vielleicht auch thematisch passen würde." sagte der leidenschaftliche Musikvermittler Hope. So erfuhren die Zuhörer nicht nur Details über das Leben von Erwin Schulhoff (1994-1942), sondern auch über sehr persönliche Begegnungen mit dem Komponisten Alfred Schnittke (1934-1998). Mit dem ihm eigenen Charisma malte Daniel Hope das Bild von sich als jungen Geigenstudenten, der in Hamburg-Eppendorf Schnittke kennenlernen wollte und an einem Sonntagabend zunächst mit ihm eine Stunde Sportschau auf dem Sofa des berühmten Komponisten sah. Die Intendantin der Festspiele MV Ursula Haselböck erzählte im Gegenzug davon, wie ihr Vater dazu kam, der Taufpate von Schnittke zu werden.

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Diese geradezu intimen Konzerte und das wirkliche Kennenlernen einer Künstlerpersönlichkeit machen den Reiz des Festspielfrühlings auf Rügen aus. Neben mehreren Künstlergesprächen und Konzerten erwarten die Besucher des Festivals noch ein geführter Rundgang durch Alt-Sassnitz, ein Kinderkonzert und ein Filmabend sowie Meisterkurse. Und eine Bäckerei wird als „Unerhörter Ort“ zum Konzertsaal umfunktioniert.

Gäste aus der ganzen Bundesrepublik kommen nach Rügen. Viele von ihnen schon seit vielen Jahren, genießen die frische Seeluft und die frühlingshafte Insel und gehen dann zu ausgewählten Konzerten an verschiedenen Orten. Die Insel wird so nicht alleine zum Klassikzentrum, bei dem sich Weltstars begegnen, Rügen ist auch der perfekte Ort, an dem man in diesem März tief in die durch Pandemie und Kriegssorgen berührte Seele der Musik steigen kann. 

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Yibai Chen mit der Neubrandenburger Philhalmonie unter Daniel Geiss

Daniel Hope hat verschiedene Menschen aus den unterschiedlichsten Winkeln der Welt zusammengebracht. Wie gut Musik aber als völkerverbindende Sprache funktioniert, wurde auch am zweiten Abend in der Nordperd-Halle in Göhren bewiesen: Die Welt wurde hier von dem jungen chinesischen Cellisten Yibai Chen und der Neubrandenburger Philharmonie unter der Leitung von Daniel Geiss zusammengenäht. Sie begeisterten mit einem Stück des russischen Komponisten Pjotr Tschaikowski.

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Maxim Lando

Das Orchester hatte die Notenständer als Solidaritätsbekundung mit kleinen ukrainischen Flaggen geschmückt. 

Die Solisten ließen in ihrer Zugabe die Musik als emotionales Signal sprechen. Der Pianist Maxim Lando spielte mit Daniel Hope die inoffizielle Hymne der Ukrainer von Myroslaw Skoryk. 

Zugegebenermaßen auch ein optischer und akustischer blau-gelber Genuss. Allein auf den traurigen Grund hierfür hätte jeder im Saal gerne verzichtet.

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Die Veranstaltung am Sonntagabend im kristallgeschmückten Kurhaus Binz beleuchtete eine andere Facette des künstlerischen Leiters dieses Festspielfrühlings. Daniel Hope und der Schauspieler Sebastian Koch entführten das Publikum "im Zeichen von Unschuld und Utopie" ins "Paradies".

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Binz
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Gedichte und Melodien skizzierten den Urknall und den Weg von Adam und Eva bis hin zum Leben nach dem Verlassen der Heimat. Mit bleiernem Glück klebt der Mensch an der Erde, doch eigentlich ist er nur unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist.

Es wäre tatsächlich eine schöne Utopie, wenn es immer so einfach wäre. Dieses Programm hatten die beiden Künstler scheinbar eins zu eins von der ursprünglichen Planung übernommen. Inzwischen haben die Ereignisse der letzten Zeit nur allzu deutlich gezeigt, dass es leider nicht allen Menschen vergönnt ist, glücklich sein zu können, wenn sie nur wollten.

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Sebastina Koch und Daniel Hope
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Fotos: Oliver Borchert

Text: Katharina von der Heide

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